Hilft L-Carnitin beim Abnehmen? Das sagt die Wissenschaft

Hilft L-Carnitin beim Abnehmen? Das sagt die Wissenschaft

Kaum ein zweites Nahrungsergänzungsmittel, das die Gewichtsreduktion unterstützen soll, ist so lange im Umlauf und bekannt wie das L-Carnitin. Bestehend aus zwei Aminosäuren, dem Methionin und Lysin wird es hauptsächlich innerhalb der Muskulatur, dem Herz und dem Gehirn gespeichert. Dennoch muss die Muskulatur das L-Carnitin aus dem Blut beziehen, denn produziert wird es hauptsächlich in der Leber und den Nieren.

Die Aufgabe des Carnitins ist es, Fette zu binden und sie der sogenannten ß-Oxidation zugänglich zu machen. Carnitin dient somit als ein Transportvehikel, das Fettsäuren in die Verbrennungsöfen der Zellen bringt, die Mitochondrien.

Mehr L-Carnitin, weniger Körperfett?

Findige Ernährungswissenschaftler kamen daher auf die Idee, eine vermehrte L-Carnitin Aufnahme würde vielleicht auch die Fettverbrennung anregen. In der Tat konnte man anhand der Analyse der ausgeatmeten Luft eine verstärkte Fettverbrennung bei Probanden feststellen, die 3 g L-Carnitin etwas länger als eine Woche eingenommen hatten [1].

Folgerichtig müsste die gesteigerte Fettverbrennung auch direkt in einer Gewichtsabnahme resultieren? Leider ist das nicht so einfach. L-Carnitin schaltet zwar die Verbrennung der Kalorien um, so verwendet der Körper weniger Kohlenhydrate und umso mehr Fettsäuren als Energiequelle. Dies bedeutet aber nicht, dass der Grundumsatz angehoben wird.

Wer weiterhin die gleiche Kalorienmenge zu sich nimmt, wird zwar mehr Fett verbrennen, aber dafür eventuell mehr einlagern. Denn der Körper kann in dem Fall aus den weniger verbrannten Kohlenhydraten Fettsäuren produzieren und Körperfett ansetzen. Es ist die Kalorienmenge, die entscheidet.

Wann wirkt L-Carnitin unterstützend?

Die Bedeutung einer Kalorienreduktion spiegelt sich in den vorhandenen L-Carnitin Studien wieder. Teilnehmer einer solchen Untersuchung, aufgeteilt in zwei Gruppen, hielten entweder nur eine kalorienreduzierte Diät ein oder aber nahmen L-Carnitin zusätzlich zur Diät. Die Teilnehmer in der L-Carnitin Gruppe reduzierten ihr Körpergewicht um zusätzliche 25 % [2].

Eine vergleichbare Dosis L-Carnitin (2 g am Tag) erzielte keine Gewichtsreduktion bei übergewichtigen Frauen, denen ein tägliches Laufprogramm von 30 Minuten verordnet wurde. Frauen, die es nicht einnahmen nahmen auch kein Gewicht ab. Beide Gruppen reduzierten jedoch ihre Kalorienaufnahme nicht [3].

Interessant ist daher die dritte Studie, bei der die 30 Teilnehmer auf eine 7-tägige, stark kalorienreduzierte Diät gesetzt wurden. Davon mussten sie 5 Tage fasten, also vollständig auf Nahrung verzichten und an 2 Tagen wenig essen. Die Hälfte der Teilnehmer bekam jeden Tag 4 g L-Carnitin verabreicht. Die Unterschiede waren selbst in diesem Zeitraum recht ausgeprägt. Die L-Carnitin Gruppe verlor 4,6 kg an Körpergewicht verglichen mit einer Abnahme von 3,2 kg bei der Kontrollgruppe. Sie verloren auch 5 cm Bauchumfang gegenüber 1,7 cm bei den Kontrollprobanden. Zudem hatten die mit L-Carnitin behandelten Teilnehmer weniger Hunger und verspürten weniger Müdigkeit durch die starke Kalorienreduktion. Die Teilnehmer litten am Metabolischen Syndrom und waren übergewichtig [4].

Eine L-Carnitin Einnahme ohne eine entsprechende Reduktion der Kalorien ist also ziemlich sinnlos. Auf der anderen Seite scheint es insbesondere bei einer sehr strengen Diät oder Fastenphase die Gewichtsabnahme zu begünstigen.

Es wäre jedoch wünschenswerter, wenn mehr qualitative klinische Studien vorliegen würden, um eine klare Gewissheit über die tatsächliche Effizienz zu haben.

L-Carnitin bei Senioren

Ein häufig übersehener Fakt ist, dass mit dem Alter die L-Carnitin Konzentration innerhalb der Muskulatur messbar abfällt. Ein älterer Mensch hat nur noch die Hälfte des Carnitins in der Muskulatur gespeichert verglichen mit einem jungen.

Berücksichtigt man die fundamentale Bedeutung des Carnitins nicht nur für die Fettverbrennung, sondern damit auch für den Stoffwechsel und die einwandfreie Funktion von Gehirnzellen, ergibt sich daraus die Frage, ob eine Supplementierung Vorteile für die Gesundheit im höheren Alter haben könnte.

Im Tiermodell führte die Gabe von L-Carnitin an ältere Tiere zum Anstieg von Zellkraftwerken innerhalb der Zellen [5]. Das Acetyl L-Carnitin verbesserte die Zellreinigung von alterstypischen Ablagerungen innerhalb der Zellen im Alter [6]. Diese Ablagerungen in Form des Alterspigments können die Funktionalität von Zellen beeinträchtigen.

Im klinischen Bereich wurde Carnitin an Senioren verabreicht, die an alterstypischen Ermüdungserscheinungen gelitten haben. Eine tägliche Dosis von 2 g steigerte die körperliche Aktivität der Teilnehmer, wirkte sowohl den physischen als auch mentalen Ermüdungserscheinungen entgegen und resultierte sogar in einer Reduktion des Körperfetts um 3 kg und einem Muskelaufbau von 2 kg. Diese waren wahrscheinlich das Ergebnis der gesteigerten Bewegungsfreude [7].

Einsatz in der Medizin

Andere Einsatzfelder, bei denen L-Carnitin im medizinischen Bereich eingesetzt wurde, sind Depressionen und die Behandlung von Herzinfarktpatienten.

Bei Depressionen, Schweremut und Antriebslosigkeit kommt eher die neurologisch aktivere Form, das Acetyl-L-Carnitin, zum Einsatz. In der Regel wurde in den betreffenden Studien Acetyl-L-Carnitin in einer täglichen Dosis von 1,5 bis 2 g verabreicht. Die Wirkung entfaltete sich nach 30-40 Tagen und bewirkte eine Besserung der depressiven Symptome auf den gängigen Skalen.

In einem Versuch bei älteren Menschen mit Schweremut (chronische, weniger ausgeprägte Depression) war Carnitin genauso effizient wie das Antidepressivum Fluoxetin [8]. Bei bipolaren Patienten konnten jedoch keine positiven Ergebnisse erzielt werden.

Depressionen sind eine hochkomplexe Erkrankung, die auf eine Vielzahl von Faktoren zurückgeführt werden können. Einer davon ist der Stoffwechsel innerhalb der Gehirnzellen. Deswegen sprechen depressive Patienten auf Schilddrüsenhormone, Creatin (Energiespeicher) und anscheinend auch L-Carnitin an. Ein Medikament oder Ersatz für eine psychologische Behandlung ist Carnitin jedoch nicht.

Patienten, die nach einem Herzinfarkt mit L-Carnitin behandelt wurden, entwickelten wesentlich seltener Herzrhythmusstörungen und eine Angina pectoris und hatten höhere Überlebensraten als unbehandelte Patienten. Zu diesem Schluss kommt eine umfangreiche Analyse von über 13 klinischen Studien. Da L-Carnitin stark im Herz konzentriert ist, kann man annehmen, es würde bei diesen Patienten einen Aspekt des Stoffwechsels stabilisieren [9].

Fazit und L-Carnitin Anwendung

Wenn du ein Mittel suchst, das von allein die überflüssigen Pfunde zum schmelzen bringt, ist L-Carnitin sicher das falsche. Es kann aber zusammen mit einer kalorienreduzierten Diät oder Fastenphase wahrscheinlich die Gewichtsreduktion unterstützen, vor allem bei älteren Menschen.

Die dabei notwendige Dosis bewegt sich im Bereich von 3 g L-Carnitin täglich. Bevorzugt kann es immer jeweils mit etwas Kohlenhydraten eingenommen werden, weil die Insulinausschüttung die Aufnahme von L-Carnitin steigert.

Quellenangabe

  1. Wutzke, K.D. and H. Lorenz, The effect of l-carnitine on fat oxidation, protein turnover, and body composition in slightly overweight subjects. Metabolism, 2004. 53(8): p. 1002-6.
  2. FR, L.R., Carnitin zur Unterstützung der Gewichtsabnahme bei Adipositas. Ärztezeitschrift für Naturheilverfahren. 1998;39:12-5.
  3. Villani, R.G., et al., L-Carnitine supplementation combined with aerobic training does not promote weight loss in moderately obese women. Int J Sport Nutr Exerc Metab, 2000. 10(2): p. 199-207.
  4. Zhang, J.J., et al., L-carnitine ameliorated fasting-induced fatigue, hunger, and metabolic abnormalities in patients with metabolic syndrome: a randomized controlled study. Nutr J, 2014. 13: p. 110.
  5. Pesce, V., et al., Acetyl-L-carnitine supplementation to old rats partially reverts the age-related mitochondrial decay of soleus muscle by activating peroxisome proliferator-activated receptor gamma coactivator-1alpha-dependent mitochondrial biogenesis. Rejuvenation Res, 2010. 13(2-3): p. 148-51.
  6. Amenta, F., et al., Reduced lipofuscin accumulation in senescent rat brain by long-term acetyl-L-carnitine treatment. Arch Gerontol Geriatr, 1989. 9(2): p. 147-53.
  7. Pistone, G., et al., Levocarnitine administration in elderly subjects with rapid muscle fatigue: effect on body composition, lipid profile and fatigue. Drugs Aging, 2003. 20(10): p. 761-7.
  8. Bersani, G., et al., L-Acetylcarnitine in dysthymic disorder in elderly patients: a double-blind, multicenter, controlled randomized study vs. fluoxetine. Eur Neuropsychopharmacol, 2013. 23(10): p. 1219-25.
  9. DiNicolantonio, J.J., et al., L-carnitine in the secondary prevention of cardiovascular disease: systematic review and meta-analysis. Mayo Clin Proc, 2013. 88(6): p. 544-51.


Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit Erik Richter.